Kein Spuk im Türalihus

Auf Einladung der Stiftung Ferien im Baudenkmal verbringt der Schweizer Erfolgsautor Alex Capus mit seiner Familie eine Woche im Türalihus im bündnerischen Valendas. Ein Bericht seiner Erlebnisse.

Alex Capus, Schriftsteller, Olten

Nein, im Türalihus spukt es nicht, da bin ich sicher. Ziemlich sicher. Hinter den meterdicken Mauern herrscht abends himmlische Ruhe, wenn erst mal die Kinder auf die vielen Schlafzimmer verteilt sind und dann auch wirklich schlafen. Leise knistert das Holzfeuer im Ofen, und an der gegenüberliegenden Wand kann man, wenn das Türchen offen steht, den Widerschein der Flammen sehen. Zwar sind zuweilen durchaus Stimmen zu hören, wenn die Dorfkirche Mitternacht schlägt, manchmal auch halblautes Gelächter; aber das sind Gäste des Restaurants «Am Brunnen», die draussen auf dem Dorfplatz mit dem Wirt noch einen letzten Plausch halten. Seit Jahrhunderten steht das Haus tapfer und mächtig im Dorf und überblickt mit seinem Türmchen die alte Handelsstrasse, die südwärts bis nach Venedig und Mailand, westwärts nach Madrid und ostwärts über Chur und den Arlberg nach Wien führt. Es hat die Glaubens- und Bauernkriege des 16. und 17. Jahrhunderts überstanden, ebenso die Bandenkriege marodierender Bündner Warlords und die Wirren der Napoleonischen Kriege. Eine der härtesten Prüfungen aber hatte das Türalihus in jüngster Vergangenheit durchzustehen, als es im 20. Jahrhundert unbewohnt war und der Dorfjugend achtzig Jahre lang als informeller Robinsonspielplatz diente. Erstaunlicherweise haben die jungen Leute das Haus nicht grobfahrlässig niedergebrannt und auch nicht auf andere Art dem Erdboden gleichgemacht, sondern nur da und dort ihre Namen in die Wände gekritzt. Zu so einer Jugend kann man dem Dorf Valendas nur gratulieren. Ich und meine Oltner Freunde hätten, als wir fünfzehn waren, das Haus ziemlich sicher niedergebrannt. Nicht absichtlich. Nur so versehentlich.

«DIE DICKEN WÄNDE HALTEN DIE BÖSEN GEISTER DER MODERNE AB. ES HERRSCHT FUNKSTILLE IM GEMÄUER. DAS HANDY FUNKTIONIERT NICHT, DER LAPTOP HAT KEINEN ANSCHLUSS.»

Nein, es spukt wirklich nicht im Türalihus. Gern würde ich sagen, dass die ausgetretenen Treppenstufen, die russgeschwärzten Balken und die altehrwürdigen Lärchenholzbalken einen Geist atmen, aber das tun sie nicht. Das Gemäuer ist ein Gemäuer und der Specksteinofen ein Specksteinofen. Und wenn einem die Balken ehrfürchtiges Staunen abringen, so nur deshalb, weil sie über die Jahrhunderte hart wie Glas geworden sind und ihnen selbst mit der Kettensäge kaum beizukommen ist. Nicht, dass ich das versucht hätte; diese Information habe ich vom Hausmeister, der im Hauptberuf Förster ist und sich im Umgang mit Kettensägen auskennt.
Nein, es spukt nicht im Türalihus, im Gegenteil: Die dicken Wände halten die bösen Geister der Moderne ab. Es herrscht Funkstille im Gemäuer. Das Handy funktioniert nicht, der Laptop hat keinen Anschluss. Für meine Teenagersöhne war das zu Beginn noch gewöhnungsbedürftig, aber: Was für ein Glück! Endlich mal NICHT verbunden sein mit der Welt! Endlich mal kein Piepsen und kein fahles Bildschirmlicht, kein Tastengefummel und kein Hantieren mit Akkukabeln! Endlich einmal eine Woche lang einfach anwesend sein im Hier und Jetzt. So einfach ist das. Und doch so schwer. Man muss sich hinter meterdicken Mauern verstecken.

Die Stille, diese Ruhe: Köstlich war das. Und keinerlei Spuk die ganzen sieben Tage, Gottseidank. Ich glaube ja nicht an so was, aber wenn es dann doch passiert, bin ich empfindsam. Da fällt mir ein, dass meine Frau Nadja und ich am ersten Abend noch schön bei einem Glas Malanser in der oberen Stube des zweiten Obergeschosses beisammen sassen, als wir im nördlichen Fenster ein sonderbar rhythmisches Knirschen hörten. Wir hörten es beide. Es klang wie Schritte im Schnee. Ich ging ans Fenster, um zu sehen, wer da spät abends noch wohin ging – aber da war niemand, und es waren auch keine Schritte mehr zu hören. Ich setzte mich wieder hin, griff zum Weinglas – da knirschten wieder die Schritte im Schnee. Ich ging wieder ans Fenster … Übrigens waren keine Fussstapfen im Schnee zu sehen, auch keine Bluttropfen oder so. Das wiederholte sich drei oder vier Mal. Dann liessen wir es gut sein und tranken zum Klang der knirschenden Schritte die Flasche leer. Und schliefen später einen langen, tiefen und wunderbar erholsamen Schlaf.

30. April 2015